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Bild: Rechenzentrum_Bild Rolls-Royce Power Systems AG
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Schneller, höher, weiter
Die SAP-Kunden in der Energiewirtschaft beschäftigen sich zunehmend mit der Umstellung auf S/4HANA Utilities. Diese verspricht eine Reihe von Verbesserungen.
 
In einer Studie von PwC über Erfahrungen von Unternehmen mit SAP S/4HANA, die im September veröffentlicht wurde, bringen die Autoren ihre Einschätzung schon gleich im Vorwort auf den Punkt: Für die Mehrzahl der SAP-Anwender stelle der Wechsel von ihrer bisherigen Branchensoftware auf die datenbankbasierte HANA-Technologie die wohl größte Veränderung seit Einführung der SAP Business Suite dar. „Der Umstieg auf SAP S/4HANA ist die größte Chance, aber auch die größte Herausforderung der letzten 20 Jahre“, schreiben sie. Das gilt natürlich auch für die Energiewirtschaft, in der die Industry Solution Utilities (IS-U) auf der Technologiebasis eines Enterprise-Resource-Planning-Systems (ERP) weitverbreitet ist. Ursprünglich hatte der Softwarekonzern angekündigt, deren Standardwartung für ERP Ende 2025 einzustellen. Nach intensiven Diskussionen mit den Kunden kam aber dann im Februar die Nachricht, die Frist werde bis 2027 verlängert.

Sieben Jahre mag ein langer Zeitraum sein. Dennoch mahnen die Berater, den Umfang einer solchen Umstellung nicht zu unterschätzen. Laut ihrer Untersuchung haben bereits 26 der insgesamt 56 befragten Unternehmen − acht von ihnen sind dem Energiesektor zuzurechnen − mit dem Projekt begonnen oder es schon umgesetzt. Den Erfahrungen der Firmen zufolge beträgt der Zeitbedarf zwischen drei und fünf Jahren. In einigen Fällen rechnen die Verantwortlichen in den IT-Abteilungen sogar mit einem noch größeren zeitlichen Aufwand.

Letztendlich sei die Projektdauer eine sehr individuelle Angelegenheit, sagt Holger Schweinfurth, der mit seinen Kunden in der Praxis deutlich kürzere Umsetzungszeiten von eineinhalb bis zwei Jahren realisiert. Sie hängen beispielsweise davon ab, ob die Nutzer eine rein technische Migration bevorzugen oder eine vollständige digitale Transformation vornehmen, so der Senior Director Industry Business Unit (IBU) Utilities bei SAP. Beides sei möglich. „Wir haben aber zahlreiche Kunden, die mit dem Schritt zu S/4HANA Utilities auch gleich Prozessanpassungen und -optimierungen durchführen und auf diese Weise das volle Potenzial der datenbankbasierten Technologie und der zahlreichen Innovationen auf S/4HANA ausschöpfen“, erklärt Schweinfurth.

Das Potenzial, von dem er spricht, verdeutlicht er am Beispiel unplausibler Abrechnungswerte. Früher seien Sachbearbeiter oft stundenlang mit der Fehlersuche beschäftigt gewesen und mussten am Ende vielleicht doch feststellen, dass gar kein Fehler vorliegt. Die in S/4HANA Utilities implementierte Machine-Learning-Innovation sei in der Lage, anhand empirischer und aktueller Daten bestimmte Konfidenzintervalle zu determinieren und die Wahrscheinlichkeiten dafür anzugeben, dass Werte oder Dokumente korrekt sind oder eben nicht. Eine entsprechende Freigabe kann dann ebenfalls automatisch erfolgen, wenn der Wert noch innerhalb des Toleranzkorridors liegt, für den das Unternehmen lediglich am Anfang Schwellenwerte festlegen muss. Hier liege noch ein sehr großes Optimierungspotenzial brach. Das hätten Projekte mit einer Reihe von Stadtwerken in Deutschland ergeben. „Dabei haben alle Beteiligten sehr gute Erfahrungen gemacht und konnten am Ende den Cashflow im Vergleich zum Status quo deutlich erhöhen“, berichtet Schweinfurth.

Der Senior Director in der Versorgersparte von SAP, der früher selbst Berater bei Pricewaterhouse Coopers war, rät, bei der Suche nach Prozessoptimierungen auch ein besonderes Augenmerk auf die Interaktion mit den Kunden zu legen. Denn mittlerweile zeichne sich der Trend ab, Callcenter-Aktivitäten schrittweise herunterzufahren und die Kunden zu Online Services zu führen. Es sei zwar zum Teil eine Generationenfrage, wer welchen Kommunikationskanal präferiere. Aber gerade bei dessen Wahl sei es wichtig, dem Kunden mehrere Freiheitsgrade einzuräumen. Das gelte besonders für die Serviceprozesse. Deshalb hat SAP im Rahmen von S/4HANA eine Lösung entwickelt, die das Interaction Center mit seinen industriespezifischen Prozessen im Customer Relationship Management (CRM) und das Enterprise-Ressource-Planning-System (ERP) auf einer gemeinsamen Plattform als S/4HANA Utilities Customer Engagement zusammenführt. Intern bedeute dies die Verfügbarkeit einer einheitlichen und aktuellen Datenbasis für alle Unternehmensbereiche. Für die Interaktion mit dem Kunden bedeute es die Möglichkeit, über verschiedene digitale Kanäle Informationen auszutauschen, seien es Messwerte, Rechnungskorrekturen, Vertragsmodifikationen oder Stammdatenänderungen.
 
Komplexe Abfragen in kürzester Zeit
 
Der Technologiewechsel von IS-U zu S/4HANA Utilities sei im Rahmen des IT-Lebenszyklus ein vollkommen marktüblicher Prozess, sagte kürzlich Stefan Engelhardt, der bei SAP den Titel Vice President Industry Business Unit Utilities trägt, im Gespräch mit E&M. Im Grunde stelle die neue Softwaregeneration ein rundum erneuertes „IS-U Plus“ dar − mit zahlreichen Innovationen.
Dabei ist die HANA-Technologie an sich nicht neu. Bereits 2015 hat SAP eine datenbankbasierte Software auf den Markt gebracht, mit deren Hilfe man Finanzkennzahlen analysieren und managen kann. „Damals ein großer Wurf“, meint Schweinfurth. Komplexe Abfragen in kürzester Zeit, ohne Daten im Vorfeld aufwendig aggregieren zu müssen − das ist eine der großen Stärken von SAP HANA. Die Grundlage dafür ist die In-Memory-Technologie, die alle Aktionen in den Arbeitsspeicher verlegt und ohne komplexe Datentransfers zwischen verschiedenen Servern auskommt.
 
Holger Schweinfurth: „Wir haben Analysemöglichkeiten auf jeder Stufe der Wertschöpfungskette geschaffen“
Bild: privat

Mit der Zeit entwickelte der Softwarekonzern eine Reihe von Lösungen, die nach und nach funktional erweitert wurden und alle in der Lage sind, mit sehr großen Datenvolumina umzugehen. Das sei eine ganz wesentliche Anforderung, die heute an ein System gestellt werde, das für sich in Anspruch nimmt, den gesamten Meter-to-Cash-Prozess abzubilden. Es gehe aber nicht nur um eine einfache Abbildung des Prozesses. „Wir haben auch Analysemöglichkeiten auf jeder Stufe dieser Wertschöpfungskette geschaffen“, erklärt Schweinfurth, „und zwar als Embedded Analytics, quasi Out of the box.“ Daten im Hinblick auf vordefinierte Kennzahlen, sogenannte Key Performance Indicators (KPI), schnell zu analysieren und zu visualisieren, erleichtere die Arbeit in den Fachebenen ungemein und ermögliche gleichzeitig auch sehr schnell umfassende Reportings für das Management. Dabei müssen nicht erst einmal Daten in vordefinierten, auf eine bestimmte Abfrage zugeschnittenen Formaten aggregiert werden, um sie verarbeiten zu können.
Damit die Analysefunktion ihre Stärken auch wirklich ausspielen kann, muss sie nach Überzeugung der SAP-Verantwortlichen einfach handhabbar sein. Den Schlüssel zum Erfolg sehen sie zum einen in einem rollenbasierten Ansatz, der sich auf verschiedene betriebliche Funktionen erstreckt, zum anderen in einer intuitiven Benutzerführung. „In der Vergangenheit waren die SAP-Benutzeroberflächen sehr nüchtern und stark an der Technologie ausgerichtet“, sagt Schweinfurth. Mit S/4HANA sei das Handling deutlich intuitiver geworden − „Amazon-like“ nennt es der SAP-Manager und auch „sehr stark auf die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeiter im Versorgungsunternehmen zugeschnitten“. Das sei angesichts der Erweiterungen gegenüber dem bisherigen ERP sehr hilfreich. Denn die neue Technologie unterstützt Prozesse, die über das klassische Commodity-Geschäft hinausgehen, und wird daher mehr und mehr zum Werkzeug neuer Anwendergruppen, vor allem auch für differenzierende Produkte und Dienstleistungen. Die Fähigkeit, Daten aus dem klassischen ERP mit externen Informationen zu verbinden und über verschiedene Datenformate und -quellen hinweg Beziehungen herzustellen, ist nach Überzeugung von Schweinfurth entscheidend, um diese neuen Produkte und Dienstleistungen kreieren zu können − jenseits des üblichen Kilowattstundenverkaufs.
 
Time-to-Market ist deutlich beschleunigt
 
Damit hat SAP eine wesentliche Kritik seiner Kunden aufgegriffen. Zwar können auch im althergebrachten IS-U neue Produkte angelegt und verwaltet werden. Die Komplexität eines solchen Unterfangens hat die Nutzer jedoch häufig vor ein Zeitproblem gestellt. In einem dynamischen Wettbewerbsmarkt müssen neue Produktideen sehr schnell, manchmal in wenigen Tagen, umgesetzt werden, um sich einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz zu sichern. Andererseits müssen Fehlentwicklungen schnell korrigiert werden. Mit S/4HANA Utilities habe SAP die Time-to-Market deutlich beschleunigt. „Nun haben die Kunden ein Tool, das es ihnen über eine intuitive Benutzerführung und ein zentrales Produktmanagement ermöglicht, das Geschäft jenseits der Commodities zu entwickeln und voranzutreiben“, ist Schweinfurth überzeugt.

In ihrer Untersuchung weisen die Berater von PwC darauf hin, dass die Mehrzahl der Befragten eine Best-of-Breed-Strategie verfolgt. Das bedeutet, die Nutzer stützen sich nicht auf einen einzigen IT-Anbieter, sondern wählen die ihrer Meinung nach beste Lösung für eine bestimmte betriebliche Funktion. So kann es zu einer recht heterogenen Systemlandschaft im Unternehmen kommen. „Kein Problem“, sagt SAP-Senior Director Schweinfurth. Darauf habe man sich eingestellt, so realistisch sei man in Walldorf. Die Welt sei nun einmal nicht zwangsläufig immer „blau“, Expertensysteme anderer Hersteller seien integrierbar. Entsprechende Schnittstellen stünden zur Verfügung und seien − wo notwendig − mit Industriestandards versehen. E&M
 
 

Fritz Wilhelm
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